von Edmund A. Spindler (18. August 2026)
Intro
In dem 1960 in London und Köln erschienenen Buch „Munch“ geht Otto Benesch (1896-1964) dem Faszinosum Edvard Munch nach. Dafürnutzte er 89 Abbildungen und ein künstlerisches Gespür, wie nur er es hatte. Benesch war jahrelang als Direktor der Albertina in Wien tätig und gilt als österreichische Koryphäe der Kunstgeschichte. Seine Expertise bezieht sich – nach seiner Dissertation über Rembrandt 1921 – vor allem auf die europäische Malerei. Insofern gehören seine Gedanken über Munch zu den Grundpfeilern einer jeden Beschäftigung mit Edvard Munch. Auf Kunst-Profis wirkt das Munch-Buch von Otto Benesch wie ein starker Magnet, der lange wirkt und an dem man sich gut orientieren kann.
Zum Inhalt
Das Buch ist dreigeteilt:
- in einen Textteil mit diversen Abbildungen (50 Seiten),
- in ein Bilderteil, genannt „Die Tafeln“ (80 Seiten) sowie
- in einen Anhang, bestehend aus Danksagung, Anmerkungen zu den Tafeln, Abbildungen im Text, Bibliographie und Verzeichnis der Sammlungen (15 Seiten).
Interessanterweise fehlt dem Buch ein Inhaltsverzeichnis; es beginnt nach dem Buchtitel und dem Impressum sofort mit dem Textteil, der wie folgt gegliedert ist:
- Auftakt
- Die Welt des Dichterischen
- Die Welt des Wirklichen
- Synthese.
Mit diesen Überschriften geht Benesch gezielt auf die europäische Kunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein. Mit seiner methodischen Herangehensweise kommt er über die „Stil“-Frage der Künstler auf Edvard Munch zu sprechen. Gleich am Anfang erklärt er, warum „Munch zum Schicksalsmann des Expressionismus“ wurde (S. 3). Sein neuer Stil lässt sich in Linie, Farbe und Form sowie im Lichte der Geister- und Geisteswelt in seinen Bildern deutlich erkennen. Für eingeweihte Zeitgenossen wurde der Grundcharakter von Munchs Kunst „immer als visionär empfunden, bei aller Kraft und Natürlichkeit ihrer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.“ (S. 4).
Zu der Neuerung Munchs formuliert Benesch: „Sie behandelt eine Seite in Munchs Kunst besonders eindringlich, der die Wissenschaft bisher gern aus dem Wege gegangen ist, da sie nicht immer seine stärksten Werke betrifft: die denkerische, metaphysisch spekulative.“ (S. 39). Diesen Hinweis greift auch Frank Wilbrandt dankbar in seinem Buch „Edvard Munch – Das gemalte Wort“ (2021) auf und weist auf die bislang vernachlässigte Spiritualität von Munchs Kunst hin. Mit anderen Worten: das „Nurmalerische“ reicht bei der Betrachtung von Munch nicht aus. Bei Benesch heißt es klar und künstlerisch wertend: „Munch bleibt nicht beim Nurmalerischen stehen wie die großen französischen Meister.“ (S. 45).
Auf dieses inhaltliche Mehr geht Benesch geschickt und souverän ein. Seine Vorgehensweise ist nicht oberlehrerhaft, sondern leidenschaftlich, wahrhaftig und überzeugend.
Als Charakteristikum des Munch’schen Stils sieht er z.B. die markante „wellende Jugendstillinie“, die zum Instrument einer die letzten „Tiefen des Seelischen ausschöpfende Kunst geworden ist!“ (S. 21). Auch die „Monumentalmalerei“ (S. 41) und die „Stimmungslandschaft“ (S. 44) bekommen von Benesch viel Lob und eine exorbitante künstlerische Anerkennung.
Bei den Porträts geht er auf die Farblithographie „Madonna“ (1895-1902) euphorisch ein: „Eine der großartigsten Bildideen Munchs ist Madonna, eine liebende Frau im Moment der höchsten Ekstase und der Empfängnis darstellend.“ (S. 20). Zu dem anderen Bild „Madonna (Dame mit der Brosche, 1903)“, das Munch ebenfalls von der Geigerin Eva Mudocci gemalt hat, ergänzt er verzückt: „So entstand eines der herrlichsten, am meisten durchgeistigten Frauenbildnisse aller Zeiten.“ (S. 32).
Und zu den Kinderporträts heißt es: „Wir bewundern, welch großer Interpret der Kinderseele Munch war, wie er jedes einzelne dieser Menschenwesen zu innerst erfaßte, in ihnen schon die Charaktere der Erwachsenen vorwegnehmend, ohne die kindlich staunende Unschuld zu zerstören.“ (S. 34).
Erstaunlich, wie Benesch die Wendungen in Munchs Schaffen in den Bildern wahrnimmt und erklärt, u.a. mit dem Bildnis seiner Schwester Inger 1892 (S. 11) und Werke, die um 1907 entstanden sind. Hierzu heißt es: „Man sah darin eine Abwendung von den Idealen seiner Jugend und Zuwendung zu einem gewissen Naturalismus, ja sogar Impressionismus“ (S. 35).
Und man erfährt, wer sein letztes, professionelles Modell war, Brigitta (Brigitte Olsen), „das gotische Mädchen“. (S. 46). Ihre „Schönheit begeisterte den Spiritualisten Munch zu einigen seiner ausdrucksvollsten Schöpfungen der Zwanzigerjahre.“ (S. 46).
Besonders erwähnenswert ist, dass Benesch mit dem letzten Bild (das selten öffentlich gezeigt wird) „Munch einen Dorschkopf verspeisend“ (1940) auf den Humor von Munch zu sprechen kommt, obwohl man ihn in seinen Selbstbildnissen und Fotos nie lächelnd sieht. Dennoch schreibt er ihm – wie auch Rembrandt – „Versöhnlichkeit und inneren Humor“ (S. 49) zu. Diese Parallele am Schluss der Biographie passt sehr gut zum Leben von Munch: „Dieser Dorsch hat wie ein letztes Echo Eingang in dieses Bild erhalten, Echo der Gespenster von einst, doch zu einer dienenden Rolle erniedrigt wie der Teufel zu den Füßen der Heiligen in den gotischen Kathedralen. Der Meister verzehrt den Dämon und damit verliert er seine Schrecken, so wie ihn die Bilder auflösen, in denen er ihn gemalt hat.“ (S. 49).
Näher als mit diesem Satz kann man Munch künstlerisch nicht kommen!
Fazit
Die erkenntnisreiche Biographie von Professor Benesch über Edvard Munch und seine Bilderwelt ist in ihrer Art einzigartig, zeitlos und meisterhaft. Im Vordergrund stehen nicht die oft zitierten Frauengeschichten und Alkoholprobleme von Edvard Munch, sondern sein Stil des Malens und die dabei abgeleiteten künstlerischen Aspekte.
Dieser „Stil“ einer anspruchsvollen Künstlerbetrachtung macht das Buch zu einem Highlight in der Munch-Rezeption und zu einer Lektüre, die zu bleibenden Eindrücken führt. Für Munch-Fans sind die Reflexionen von Otto Benesch – sportlich ausgedrückt – Gold wert.
Benesch, Otto: Munch. Edvard Munch. Mit neunundachtzig Abbildungen darunter dreiundzwanzig Farbtafeln. Köln: Phaidon Verlag, 1960
