von Edmund A. Spindler (12. Februar 2023)
Die 2023 und 2024 unter dem Titel „Stormen. En biografi om Edvard Munch“ (Band 1 und Band 2) in Oslo veröffentlichten Werke des norwe-gischen Historikers Ivo de Figueiredo (Jg. 1966) liegen seit August 2025 als Buch „Der Sturm. Eine Biografie über Edvard Munch“ vor. Die deutsche Fassung stammt von der versierten Übersetzerin Daniela Stilzebach (Jg. 1978) aus Leipzig.
Das Buch wird vom Hatje Cantz Verlag (Berlin), als Partner des Munchmuseet (www.munch.no), vertrieben.
Es ist die umfangreichste und gründ-lichste Schrift, die es aktuell zum Wirken des genialen norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) gibt.
Zum Inhalt
Das 784-seitige Buch enthält nach einem knappen Vorwort Band 1 und Band 2 der ursprünglichen Fassung mit insgesamt 16 Kapiteln, in denen chronologisch auf das Leben und das Werk von Edvard Munch eingegangen wird. Im Anhang finden sich Quellen- und Literaturverzeichnisse, die für die deutsche Ausgabe gekürzt und angepasst wurden sowie ein Personen- und Werkregister.
Die 8 Kapitel von Band 1 beziehen sich auf den Zeitraum von 1863 bis 1902 und die 8 Kapitel von Band 2 decken den Zeitraum von 1902 bis 1944 ab. Mit dieser fortlaufenden Abhandlung geht der Autor detektivisch mit vielen (Original-)Fakten und Andeutungen auf die Person Edvard Munch ein, stellt Bezüge zum gesellschaftlichen und politischen Umfeld her und erläutert kunsthistorisch die wesentlichen Werke des Malers. Diese wissenschaftliche Herangehensweise ist äußerst informativ und lässt den Maler Munch für Viele in einem neuen Licht erscheinen. Man merkt, dass sich der Autor als Historiker ganzheitlich mit Munch befasst hat, wie vorher schon mit Henrik Ibsen u.a., für die er gute Rezensionen bekam.
Die Munch-Biografie enthält viele Hintergrund-Informationen über die schwere Kindheit von Edvard Munch und die familiären Probleme mit Krankheiten, Finanzen, der Wohnsituation und dem Gottesbezug. Auch wird viel über seine Alkoholexzesse und sein – lebenslang – schwieriges Verhältnis zu Frauen und zu seinen Maler-Kollegen offenbart. Bei all den dezent und manchmal unpoliert präsentierten Informationen ist es nicht verwunderlich, dass es kein Selbstporträt und kein Foto von Edvard Munch gibt, das ihn lächelnd zeigt. Er war als Künstler immer unabhängig und unverheiratet, hatte keine Kinder und lebte meist allein. Deshalb kann man behaupten, dass er „einsam“ und bindungsunfähig war, aber auf keinen Fall inhuman oder „unsozial“.
Im Mittelpunkt der Munch-Biografie steht jedoch sein außerordentliches Talent zum Zeichnen und Malen, das er 60 Jahre lang intensiv und experimentell ausgeübt hat. Mit seiner grandiosen Bildsprache ist er deshalb auch zu Recht weltweit berühmt geworden und nach wie vor aktuell.
Edvard Munch wird als „Nationalgenie“, „rastlos“, „einzigartig“ und als „Ausnahmemensch“ sowie als eine „Komposition“ aus Körper, Geist, Seele und Herz dargestellt. Schon auf Seite 12 heißt es: „Edvard Munch fand nie Ruhe“, auch nicht, als er im Mai 1930 ein geplatztes Blutgefäß am rechten Auge bemerkte: „In Munchs Bildern findet sich keine Ruhe, im Auge des Künstlers herrscht immer Sturm“. Mit der Qualifizierung dieser Erkenntnis rechtfertigt sich der Autor für den in Deutschland ungewöhnlichen Titel “Der Sturm“ (als Übersetzung von „Stormen“) seiner Biografie.
Fazit
Ivo de Figueiredo hat sich eingehend mit dem Mythos Munch befasst und eine tiefgründige, moderne Biografie mit persönlicher Note vorgelegt. „Munch lebt weiter“ (S. 547), so sein Fazit.
Warum er aber Munch am Schluss mit dem „nationalen Genie“ Vidkun Quisling in Verbindung bringt (S. 738), bleibt rätselhaft. Offenbar hängt dies mit seiner Dissertation zusammen, in der er sich mit der nationalsozialistischen Partei „Nasjonal Samling“ (= Nationale Vereinigung – eine norwegische faschistische Partei, die mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierte) um den Major und Verteidigungsminister Quisling befasst hat, der 1945 in Norwegen als Vaterlandsverräter verurteilt und hingerichtet wurde.
Schade, dass Ivo de Figueiredo nicht auf den deutsch-italienischen (kath.) Priester Romano Guardini (1885-1968) Bezug nimmt. Von ihm stammt seine Traumdeutung, dass jeder Mensch mit einem „Wort“ geboren wird. Dieses „Passwort“ des Lebens, das für Kraft und Schwäche zugleich steht, ist in seiner Biografie für Munch nicht zu finden und mit dem „Sturm“-Titel nicht kongruent.
Was jetzt nach den vielen vorliegenden Biografien und Einführungen auch noch fehlt, sind Studien und Schriften zu den Folgewirkungen von Munchs Bilderwelt, z.B. an Hand von Bilderkäufen und Ausstellungen sowie den aktuellen Forschungen. Dies gründlich aufzubereiten wäre eine wichtige Arbeit, um dem Munchschen Geist, seiner Signatur und der bleibenden Aktualität seiner Werke näher zu kommen.
Vielleicht gelingt es dazu, Ivo de Figueiredo und weitere Wissenschaftler mit seinem aktiven Recherchekaliber für einen Band 3 als Abschluss zu seinem Biografie-Ansatz zu gewinnen. Dabei könnte auch geklärt werden, was er mit „diskrete Hände“ meinte, die den Nachlass von Munch verändert haben (S. 500) und wie man heute insgesamt mit „MUNCH“ umgehen sollte.

Ivo de Figueiredo: Der Sturm. Eine Biografie über Edvard Munch. Berlin: Hatje Cantz Verlag, 2025, ISBN 978-82-8462-051-0 (48,00 €)
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„Zusammen mit Vermeer und Tizian ist Munch einer der drei Maler, die für mich am wichtigsten waren und zu denen ich aufschaue.“
Maria Lassnig (1919-2014)
Österreichische Malerin
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„Munch ist mein Lieblingskünstler auf der ganzen Welt. Er ist einfühlsam, er ist emotional, und er ist einfach ein wirklich, wirklich fantastischer Maler.“
Tracey Emin (Jg. 1963)
Britische Künstlerin