von Edmund A. Spindler (1. September 2026)
Mit dem Buch „Edvard Munch – Das gemalte Wort“kann man Munch und seine Bilder neu entdecken. Zum ersten Mal werden die spirituellen Inhalte bei Munch zum eigenständigen und attraktiven Buch-Thema.
Der neue Blick auf Munch ist dem Anthroposophen Frank Wilbrandt (Jg. 1950) zu verdanken, der schon viele Aufsätze geschrieben und Vorträge über Munch gehalten hat. Dabei ist er von Beruf Industriefachwirt und kein studierter Kunstwissenschaftler. Er ist durch langjährige private Kontakte seiner Ehefrau zu einer norwegischen Familie und mit ihrer gemeinsamen Liebe gegenüber Norwegen mit Munch stärker und intensiv in Verbindung gekommen. Zudem spricht er norwegisch. Für das Thema ist er genau der richtige Autor; Wilbrandt kennt das Rudolf-Steiner-Archiv in Dornach/Schweiz und das Munch-Museum in Oslo/Norwegen und hat zu beiden Institutionen sehr gute Kontakte.
Nun liegen seine Recherchen und Forschungsergebnisse als bibliophiles Alterswerk seit Februar 2013 im Verlag Ch. Möllmann (Borchen) vor. Die kompakte aktuelle 3. Auflage ist seit November 2025 verfügbar.
Das inspirierende und grandiose Buch ist ein Gewinn für die wachsende Kunstszene rund um den Maler Edvard Munch und für interessierte Kunstliebhaber.
Zum Inhalt
Das 190-seitige Buch ist inhaltlich zweigeteilt. Es enthält nach Inhaltsverzeichnis, Widmung, Danksagung und Vorwort/Einleitung insgesamt 7 Kapitel sowie ein genauso umfangreichen Buch-Teil mit 14 „Bildbetrachtungen“. Ein fünfseitiges Literatur- und Quellenverzeichnis bildet den Abschluss des Buches. Die über 90 Quellennachweise sind ein Beleg für den wissenschaftlich orientierten Ansatz. Auffällig ist allerdings, dass die aktuelle Literatur (ab 2012) unterrepräsentiert ist bzw. fehlt.
Das Buch widmet sich „den verborgenen Inhalten von Edvard Munchs Lebenswerk und insbesondere einigen seiner bedeutendsten Gemälde“ (S. 11). Dabei nutzt Frank Wilbrandt die Anthroposophie von Rudolf Steiner, die „das Geistige im Menschen mit dem Geistigen im Kosmos“ verbindet (S. 28). Die Schlüsse, die Wilbrandt daraus zieht, sind sehr hilfreich beim Verstehen von Munchs Bildern, die er „Das gemalte Wort“ (S. 102) nennt und sein Buch auch so – treffend – betitelt.
Wilbrandt schreibt ausdrücklich: „Es ist meine Überzeugung, dass man Edvard Munchs Lebenswerk nicht vollständig verstehen kann ohne eine Wissenschaft vom Geist, wie wir sie zum Beispiel von Rudolf Steiners Anthroposophie finden.“ (S. 101).
D.h. in dem Buch wird der „künstlerisch begabte ‚Seher’“ (Rudolf Steiner) mit dem „seherisch begabten Künstler“ (Edvard Munch) zusammengebracht (S. 50) und die „spirituelle Sensibilität“ (S. 70) beim Maler Edvard Munch ausführlich dokumentiert.
Auf Seite 23 heißt es: „Edvard Munch war ein unabhängiger christlicher Denker, der für jede Form von Spiritualität offen war.“. Oder an anderer Stelle: „Edvard Munch war ein sehr spiritueller Mensch und für Geistiges außerordentlich empfänglich.“ (S. 95).
Generell wird Munch als „Wegbereiter des Expressionismus“ (S. 28) bzw. als „Vater des Expressionismus“ (S. 79) gesehen und seine „Seelenbilder“ (S. 46) bilden die Grundlage der vergleichenden Analyse, die Wilbrandt sehr feinfühlig und gewissenhaft anwendet.
Mit der einfühlsamen Betrachtung „Die Familie Linde in Lübeck (ab 1902)“ (S. 39 ff) sind für mich die Hintergründe und die bleibenden Verbindungen zwischen Munch und Steiner klarer und verständlicher als bisher geworden. Dieser vierseitige Abschnitt mit den gut recherchierten familiären Schicksalen ist ein Aha-Erlebnis und ein Hinweis auf die Qualität des gesamten Buches. Weitere gute Interpretationsbeispiele aus den aufschlussreichen „Maler-“ und „Seher-“Perspektiven (S. 50) zeigen sich in den Begriffen
- „Kristallland“ bei Munch und „Kristallhimmel“ bei Steiner (S. 68)
- „Mondsäule“ bei Munch und „Mondkräfte“ bei Steiner (S. 76)
- „Schrei durch die Natur“ bei Munch und „Schreie der Menschheit“ bei Steiner (S. 82 bzw. S. 106).
Aus diesen u.a. Gegenüberstellungen leitet Wilbrandt seine Diagnose ab, dass das gesprochene Wort Rudolf Steiners und das gemalte Wort Edvard Munchs “heilend“ auf die Menschen wirken können (S. 26).
In dieser Deutlichkeit, Dichte und Ausführlichkeit anhand von Text- und Bilderquellen ist dieser Blick neu und einzigartig in der Munch-Rezeption, auch wenn er dabei punktuell mit seinen „nachgezeichneten Bildelementen“ im „Selbstbildnis in der Hölle“ (S. 123 und Buchcover) das Spekulative arg befördert.
Munch konnte ohne Zweifel seine Ideen in seinen Bildern „radikal“ umsetzen, wie Frank Wilbrandt auf Seite 120 erwähnt. Die interessanten „Bildbetrachtungen“ (S. 103 ff) mit z.T. neuen Interpretationen aus der Anthroposophie von Rudolf Steiner belegen dies deutlich an folgenden Munch-Bildern:
- Der Schrei (1893)
- Madonna (mit Leibesfrucht) oder Liebendes Weib (1893)
- Selbstbildnis in der Hölle (1903)
- Die Mädchen auf der Brücke (1905)
- Maurer und Mechaniker (1908)
- Der ertrunkene Junge (1908)
- Die Geschichte (1911/1914-16)
- Alma Mater (1916 (1915-16)
- Der Menschenberg / Zum Lichte hin (1927-29)
- Die Sonne (1911)
- Pietà – Alter Mann mit nackter Frau auf dem Schoß (1913-15)
- Die Hochzeit des Bohèmien (1925-26)
- Zwischen Uhr und Bett (um 1940/1940-43)
- Johanni-Abend / St. Hanskveld (1942).
Bei den Bildbetrachtungen halte ich Wilbrandts Deutung des (selten gezeigten) Munch-Bildes „Pietà – Alter Mann mit nackter Frau auf dem Schoß“ (1913-15) für sehr schlüssig. Seine gewagte These als „Erinnerungsbild vom Tod seiner Mutter“ (S. 172) überrascht und führt zu neuem Nachdenken.
Problematischer wird es für Munch-Fans bei der Interpretation „Die Sonne“ (1911), bei der es im Buch um „Sonnenbewohner“, „Elohim“ und „Lichtwesen“ (S. 165) bzw. um „Sonnenwesen“ (S. 167) geht.
Insgesamt kann man bei der Wilbrandt-Methode feststellen, dass man nur sieht, was man kennt oder vermutet. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber auf Munch gut übertragbar.
Inhaltlich endet das Buch mit der Aufforderung „Ändere deinen Sinn!“ (S. 185). Dieser Schluss erinnert mich an den apodiktischen Satz von Rainer Maria Rilke (1875-1926) „Du mußt dein Leben ändern.“ von 1908. Peter Sloterdijk (Jg. 1947) hat 100 Jahre später (2009) daraus abgeleitet, dass der Mensch als lebenslang Übender, sich im Leben selbst erschafft. Bei dieser „Übung“ bzw. – sportlich betrachtet – bei diesem Training können die Bilder von Edvard Munch und die Anthroposophie von Rudolf Steiner sicher behilflich sein, so auch meine Überzeugung.
Speziell für Munch gilt hier abschließend die Bewertung von Frank Wilbrandt, die (sicher bewusst) in einer rhetorischen Frage mündet:
„Mancher mag die Kunst Edvard Munchs heute als überholt empfinden. Die Aussage seiner Werke scheint jedoch nicht an Aktualität verloren zu haben. Noch heute üben Edvard Munchs Bilder eine besondere Faszination auf die Besucher seiner Ausstellungen aus. Bei aller handwerklichen Perfektion muss man doch sagen, dass viele Bilder nicht ’schön‘ sind in dem Sinne, dass man sie sich gern über das Sofa hängt. Munch wusste das und wollte ausdrücklich keine dekorative Kunst malen. Aber sie lässt den Betrachter nicht unbeeindruckt und kann ihn zur Erkenntnis der Widersachermächte und damit auch zur Selbsterkenntnis führen. Hilft nicht Edvard Munch damit den Menschen im Erdenleben und darüber hinaus?“ (S. 100).
Fazit
Es ist ein hybrides Buch, das die Malkunst von Edvard Munch und die Spiritualität der Anthroposophie von Rudolf Steiner mit gut nachvollziehbaren Quellen verbindet. In Anlehnung an die südkoreanische Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang kann man sagen: die Spiritualität ist im Buch der „goldene Faden“ zwischen Munch und Steiner.
Der Erkenntnisgewinn beim Lesen des Buches ist ein doppelter; er bezieht sich dezidiert auf Munch und präzise auf die Anthroposophie. Die „verborgenen Beziehungen zwischen Edvard Munch und Rudolf Steiner“ sind ein zentraler Gegenstand des Buches (S. 34). Diesen Dualismus von Munch und Steiner hat Frank Wilbrandt hervorragend aufgearbeitet und mit neuen Ideen sehr schön präsentiert.
Seine Reflexionen machen Munch nicht zum Anthroposophen, aber zu einem Künstler, der in seinen Bildern eine „spirituelle, überpersönliche Komponente“ hatte (S. 103). Für die Munch-Rezeption ist es ein eminent wichtiges Buch, das den Blick auf Munchs Bilder nachhaltig verändern kann.
Wilbrandt will „den Blick auf das Wesentliche“ richten und „manchem Bild eine genauere oder gar neue Bedeutung“ geben (S. 12). Bei den 14 Bildbetrachtungen ist dies mit den Quellenbelegen von Rudolf Steiner, die Wilbrandt geschickt ausgesucht hat, schon weitestgehend gelungen. Insofern ist Frank Wilbrandt zu danken, dass er sein großes anthroposophisches Wissen – so gut aufbereitet – der Munch-Community zur Verfügung gestellt hat – für Munch-Fans eine spannende und bezaubernde Lektüre!
Frank Wilbrandt: Edvard Munch – Das gemalte Wort. Die spirituellen Inhalte in seinen Werken. Borchen: Verlag Ch. Möllmann, 32025, ISBN 978-3-89979-188-4 (18,00 €)
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„Im Großen und Ganzen kann man sagen, ich sei ein Zweifler, doch nie, dass ich die Religion verleugnete oder verspottete.“
Edvard Munch im Skizzenbuch 1909-11
Munch Museum (Hrsg.): Wie ein Gespenst verlasse ich dich. Zitate von Edvard Munch. Oslo: Munch Museum, 2018, ISBN 978-82-93560-15-9
