Die Kunst der Moderne – aktueller denn je!


Edmund A. Spindler

Rechtzeitig zur Ausstellung „Edvard Munch. Zauber des Nordens“ in der Berlinischen Galerie (vom 15.09.2023 bis 22.01.2024) ist das Buch „Edvard Munch in Thüringen“ erschienen. Es wendet sich an eine „interessierte Leserschaft“ (S. 13) und ergänzt die Ausstellung und den Katalog in spezieller und spezifischer Weise. Als dokumentarische Überblicksdarstellung von Edvard Munch in Thüringen wird ein „Thüringer Lebenslauf“ (S. 15) des norwegischen Malers von 1904 bis 1907 deutlich, aus dem viele gehaltvolle und ausdrucksstarke Bilder hervorgehen. Mit dieser gut recherchierten Thüringer Bilderwelt vom Archivar Dr. Volker Wahl (Jg. 1943) aus Weimar wird Munch in Berlin und Deutschland erst richtig komplett. In Thüringen erhält Munch viel Anerkennung und große Malaufträge, die seinen etwa 15-jährigen Aufenthalt in Deutschland kennzeichnen und ihn zum genialen Vorkämpfer der Moderne macht. 

Inhalt

Das 295-seitige Buch beginnt mit einem Geleitwort der Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar Dr. Ulrike Lorenz und einem Vorwort des Autors.

In Kapitel 1 geht Volker Wahl 6 Seiten lang auf „Munch und Deutschland“ ein und im 2. Kapitel werden die Lebensstationen von Munch in Thüringen ausführlich auf 138 Seiten dargestellt. Zu den Orten Weimar, Elgersburg, Oberhof, Jena, Ilmenau und Bad Kösen sowie zu Chemnitz erfährt man, wie Munch dort gelebt und gemalt hat und mit welchen Personen er in Kontakt stand. Diese biografischen und werkzentrierten Informationen sind in ihrer Ausführlichkeit einzigartig und in der deutschsprachigen Munch-Literatur ein Besonderheit.

Dem zentralen 2. Kapitel des Buches folgen vier Kapitel mit Abhandlungen zur großen Munch-Ausstellung 1912 in Jena (3. Kapitel), zum Verhältnis von Architekt Thilo Schoder und dem Maler Charles Crodel zu Edvard Munch (4. und 5. Kapitel) sowie zum Munch-Stipendium des Autors 1988 in Oslo (6. Kapitel).

Interessant ist, dass diesen vier etwa gleich langen Kapiteln „Dokumente“ beigefügt sind, die bislang nur schwer zugänglich waren und außergewöhnliche Informationen über Edvard Munch preisgeben. Das gilt vor allem für den selten gedruckten „Vortrag von Curt Glaser über Edvard Munch am 3. November 1912 im Kunstverein Jena“, der eine Munch-Analyse und ein Kunstverständnis vom Allerfeinsten darstellt. Ähnliches gilt auch für den Bericht von Thilo Schoder über den „Besuch bei Edvard Munch auf ‚Ekely‘“ 1932 und für die „Pilgerfahrt zu Edvard Munch 1934“ von Charles Crodel sowie für den „Bericht über die Dienstreise vom 24. Mai bis 5. Juni 1988 nach Oslo (Norwegen)“ vom Autor selbst. 

Den abschließenden Rahmen des Buches bilden die kapitelweisen Anmerkungen auf 24 Seiten (immerhin 450 Anmerkungen bzw. Fußnoten), das Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis, eine Danksagung und ein Register, das aus Ortsregister (mit 74 Orten) und Personenregister (mit 250 Personen) besteht. All dies belegt die hohe Qualität des gut lektorierten Buches, das informativ und detailreich gestaltet und als Nachschlagewerk hervorragend geeignet ist. Personen und Bekanntschaften werden akribisch genau recherchiert und der Weg mancher Munch-Bilder genauestens dokumentiert, z.B. das Porträt von „Felix Auerbach“ (S. 96 bzw. S. 104 f). Vor allem die gute Kontextualisierung der Informationen von Volker Wahl zu seinen Forschungen und Arbeiten über Edvard Munch ist hier positiv zu vermerken.

Herausragend sind auch die Ausführungen zum Kunstsammler, Kunstmäzen und Publizit Harry Graf Kessler, der für Munch eine Schlüsselrolle in Thüringen spielte und von ihm 1904 und 1906 wunderbar porträtiert wurde (S. 37 und S. 130). Auch die Elgersburger Zeit, in der Munch „14 Ölgemälde mit Elgersburger Motiven“ (S. 75) schuf, ist hervorragend und gründlich aufgearbeitet (S. 58-91). Schade, dass hier ein aktualisierter Hinweis auf den „Edvard-Munch-Rundwanderweg“ (https://www.edvard-munch-rundwanderweg-elgersburg.de/) fehlt, der seit einigen Jahren von Munch-Fans vor Ort gestaltet wurde und zu „Munch in Thüringen“ heute unbedingt dazu gehört.

Auffällig ist, dass die – recht gute – Besprechung der Munch-Ausstellung 1906 in Jena durch den einflussreichen Archäologen und Kunsthistoriker Prof. Dr. Botho Graef (1857-1917) drei Mal im Buch wiederholt wird (S. 97, S. 129 und S. 159). Eine weitere Redundanz liegt zum Titelbild des Buches „Selbstbildnis mit Weinflasche“ von 1906 vor, das im Künstlerhaus am Zeughof in Weimar entstand, wie die von Wahl gut recherchierten Niederschriften vom Architekten Thilo Schoder jetzt eindeutig belegen (S. 151 und S. 152).

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Charakterisierung und Bewertung von Elisabeth Förster-Nietzsche, die „freundliche Priesterin des Nietzsche Tempels“ (wie Munch sie bezeichnete) durch Volker Wahl leicht tendenziös ausfällt (S. 117, S. 120 und S. 143). 

Fazit

In nüchterner Schreibweise und in abgesichertem, trockenen Stil setzt sich Volker Wahl detailreich und informativ mit dem norwegischen Maler Edvard Munch (1863-1944) auseinander. Seine in Thüringen entstandenen Werke und das dreijährige Künstlerdasein von Munch in Weimar, Elgersburg, Oberhof, Jena, Ilmenau und Bad Kösen (das große Ausstrahlungen bis nach Berlin, Stockholm und Oslo hatte) werden gut nachvollziehbar dokumentiert. Als Kulturhistoriker und Archivar geht er jahrelang  z.T. detektivisch voran und kommt mit seinen Belegen Munch sehr nahe. Mit seinem zweiwöchigen Munch-Stipendium 1988 in Oslo wird sein Engagement belohnt und die Literatur über Munch mit seinem gewichtigen Spätwerk bereichert. Für Munch-Fans und für interessierte Kunst- und Kultursachverständige ist das Buch von Volker Wahl mit den drei wichtigen Munch-Jahren in Thüringen ein Muss!

Volker Wahl: Edvard Munch in Thüringen. Ein norwegischer Maler der Moderne. Jena: Verlag VOPELIUS, 2023, ISBN 978-3-947303-37-3 (34,00 €)


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