Bibliophiles Denkmal für Munch-Fan Julius Meier-Graefe


Edmund A. Spindler

Das Buch ist eine große Verbeugung vor dem „Kunstschriftsteller“ Julius Meier-Graefe (1867-1935). Er wird als Autor von Texten präsentiert, die schon um die 100 Jahre alt sind aber nicht als antiquarisch gelten, sondern als „Mitteilungen, in denen bis heute viel Lebendiges pocht“, so der Herausgeber Bernhard Echte (*1958) in seiner editorischen Vorbemerkung in Band 9 der Schriftenreihe „Unbegrenzt haltbar“ im schweizerischen NIMBUS-Verlag.

Inhalt

Das 592-seitige Buch enthält eine Sammlung von insgesamt 48 literarischen Kostbarkeiten von Julius Meier-Graefe über Künstler und die Kunstgeschichte seiner Zeit, die er in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, sowie ein bislang unpubliziertes Fundstück. Diese Zugabe aus dem Nachlass des Autors gehört zu den Kernstücken der liebevoll gestalteten Schriftenreihe mit Büchern in Halbleinen gebunden und mit einem Lesebändchen versehen – und das seit 2016 bei NIMBUS.

Als „unbegrenzt haltbar“ gilt für Munch-Experten vor allem der Text von Meier-Graefe aus der Frankfurter Zeitung vom 2. April 1927 (S. 117-126) sowie die vielen Bezüge zu Edvard Munch, die in dem gut recherchierten Buch präsentiert werden.

Das Buch enthält 7 Gemälde von Edvard Munch als schwarz-weiß Kopien und diverse Hinweise zur Bedeutung Munchs für die Moderne, die Meier-Graefe zeit seines Lebens aktiv unterstützte. Er war mit Munch „eng befreundet“ (S. 442), beteiligte sich an der ersten deutschsprachigen Publikation über Edvard Munch (1894 von Stanislaw Przybyszewski), gab schon 1895 erste von ihm gut kommentierte Radierungen Munchs heraus, initiierte 1906 die deutsche „Jahrhundert-Ausstellung“ in der Berliner Nationalgalerie und schrieb 1927 einen viel beachteten Bericht zur Munch-Ausstellung im Kronprinzenpalast in Berlin.

Nicht nur diese Belege machen das Buch wertvoll und lesenswert. Auch die „Autobiographische Skizze“ von 1922, die hier erstmals veröffentlicht wurde, zeigt die Wirkungskraft von Julius Meier-Graefe für die bildende Kunst, die Literatur (er schrieb Erzählungen, Romane und Theaterstücke) und die Architektur (über seine Beziehungen zu Henry van de Velde). Darüber hinaus war er auch journalistisch tätig, u.a. gründete er 1895 die Kunstzeitschrift „Pan“ und 1899 die Zeitschrift „Dekorative Kunst“. Da er seit 1896 in Paris lebte, befasste er sich intensiv mit der französischen Malerei, schrieb wichtige Biografien über Künstler (Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Édouard Manet u.a.) und Berichte über interessante Kunstorte (Paris, Berlin, Essen, Darmstadt u.a.) und hatte damit großen Einfluss auf das Kunstgeschehen in Europa in der Wendezeit vom 19. auf das 20. Jahrhundert, der Belle Époque.

Julius Meier-Graefe war sehr wohlhabend, selbstbewusst und ein kritischer Geist, der ein wechselhaftes Leben führte (geboren im heutigen Ungarn, lebte in Deutschland und Frankreich und starb in der Schweiz). Er konnte sarkastisch, ironisch und z.T. auch zynisch schreiben und war gegenüber der Obrigkeit immer skeptisch eingestellt. Mit spitzer Feder und lebendiger Sprache hat er sich nach einem (abgebrochenen) Ingenieurstudium autodidaktisch dem Kunstthema verschrieben. Von ihm kann man lernen, was „Kunst“ ist und was dies mit Kultur zu tun hat. Schon 1910 schrieb er: „Die Kunst ist eine Sprache, die man lernen muß wie jede andere. Die Werke sind die Worte.“ (S. 374). Interessant sind auch seine pointierten Charakterisierungen von Stil-Richtungen, z.B.: „Der Impressionismus war das Produkt einer künstlichen Herstellung geistiger Lebensmittel, eine Art Margarine.“ (S. 362). Und hierzu könnte man in seinem Sinne ergänzen: die Moderne war für ihn die Butter!

Im umfangreichen Anhang finden sich ein geistreiches Nachwort des Herausgebers, viele seitenbezogene Anmerkungen (100 Seiten) und detaillierte Abbildungshinweise zu den insgesamt 149 Bildern des Buches. Leider fehlt in dem Buch ein Personen- oder Sachregister, um damit noch gezielter recherchieren zu können.

Fazit

Leben und Werk von Julius Meier-Graefe werden in dem Buch lebendig und mit den vielen Quellenverweisen genauestens nachvollziehbar. Die Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst und seine langjährige Freundschaft zu Edvard Munch sind Gegenstand des Buches. Die Besonderheit des Buches zeigt sich in der Zusammenstellung der Texte und in der tiefsinnigen chronologischen und thematischen Zuordnung. Nicht nur für Munch-Fans ist das Buch ein großer Kunstgenuss. Es ist ein wunderschönes Zeitdokument das provokant, kunstgeschichtlich wertvoll und zudem noch gut lesbar ist – ein Buch, das die Lust an Kunst neu entfacht!

Julius Meier-Graefe: Kunst. Kulissen. Ketzereien. Denkwürdigkeiten eines Enthusiasten. Wädenswil am Zürichsee: NIMBUS-Verlag, 2022, ISBN 978-3-03850-078-0 (38,00 €)


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