Munch-Freund Jens Thiis gerät ins Schwärmen und nutzt Superlative


von Edmund A. Spindler

Das 1934 erschienene Buch von Jens Thiis (1870-1942) über den norwegischen Maler Edvard Munch (1963-1944) gehört zu den herausragenden literarischen Kunstschätzen der „Klassischen Moderne“. Als Kunsthistoriker, Direktor der Nationalgalerie in Oslo und Munch-Freund kann er – wie kein anderer – authentisch über Person und Werk von Edvard Munch berichten. Seine Einschätzung ist maßstabsgebend für die Munch-Forschung. Das Buch ist kein Bestseller auf dem Büchermarkt, aber ein Glanzstück aus dem Antiquariat für Kenner der Materie.

Zum Inhalt

Das 104-seitge Buch enthält einen biographisch angelegten Text, ein Nachwort und 84 Abbildungen (2 davon in Farbe) sowie ein Verzeichnis der Abbildungen.

Der Textteil ist gegliedert in:

  • Das Genie
  • Familie, Jugend- und Entwicklungslage
  • Berliner Jahre
  • Die Pariser Zeit
  • Munch als Graphiker
  • Der Lebensfries
  • Wanderjahre, Krankheit und Erneuerung
  • Der große Umschwung
  • Die Universitätsbilder
  • Letzte Jahre und Triumph.

Das Nachwort vom deutschen Maler aus der Künstlergruppe Berliner Secession, Erich Büttner (1889-1936) trägt den Titel „Der leibhaftige Munch“.

Sowohl Jens Thiis als auch Erich Büttner lassen keinen Zweifel daran, dass das Künstlerleben von Edvard Munch außergewöhnlich ist und seine Bilder genial sind. Thiis spricht schon gleich im 1. Kapitel vom „Genie“ (S. 5 ff) und Büttner formuliert: „Munchs Leben mag schon das richtige Künsterleben sein … es gehört aber zu den wenigen Ausnahmen, wo bei solchem Leben mehr als einige Genieblitze entstehen.“ (S. 100).

Jens Thiis stellt nüchtern fest: „Munch ist unzweifelhaft der begabteste aller norwegischen Maler. Seine Kunst offenbart nicht nur eine blendende malerische Begabung, sondern auch eine Persönlichkeit eigenen Gepräges, die manches von einem Grübler und viel von einem Dichter in sich schließt.“ (S. 5).

D.h. das Buch geht wertend und wohlwollend auf die vorliegende Lebensleistung an Hand der wichtigsten Bilder von Edvard Munch ein. Der Schwerpunkt des Buches liegt im umfangreichen 2. Kapitel, in dem die familiäre Abstammung und die gesellschaftlichen Einflüsse in der frühen Künstlerzeit von Munch beschrieben werden.

Das Buch ist frei von Anekdoten und Vermutungen; es konzentriert sich vor allem auf die von Munch geschaffenen künstlerischen Werke. Zu vielen Bildern und Porträts gibt es schwärmende Interpretationen und für Munch viel Applaus als „hervorragender Kindermaler“ (S. 55). Bei der Beschreibung der Malkunst von Edvard Munch scheut Thiis keinen Vergleich. Vielmehr meint er beim Umgang mit Licht und üppigen Farben: „In malerischer Kühnheit geht Munch hier weiter als van Gogh.“ (S. 75). Und der Superlativ zeigt sich auch in den Worten von Thiis, wenn er Munch – zu recht – als „Stammvater des Expressionismus“ (S. 96) einordnet.

Bemerkenswert sind die (künstlerischen) Aussagen von Thiis zum „intimen weiblichen Leben“ und zum „Körper und Wesen der Frau“, die er bei Munch beobachtete und ihn mit dem französischen Maler Edgar Degas (1834-1917) in Verbindung bringt: „Beide haben sich für die Frau, keiner für die Ehe interessiert!“ (S. 67).  

Fazit

Das Buch ist keine umfassende Biographie, weil die letzten 10 Lebensjahre von Munch noch fehlen, aber eine Schrift, die in ihrer Authentizität und der weitsichtigen Einordnung von großem Wert ist. Als Standardwerk ist das Buch fundamental für die auf Munch bezogene Wissenschaft und Forschung. Auch für die Ausstellungs- und Museumsbesucher bietet das Buch eine unverzichtbare Orientierung, um sich dem Munch-Kosmos zu nähern.

Wer Munch verstehen will, kommt am Vordenker Jens Thiis nicht vorbei. In Norwegen ist er und seine Familie eine Institution. Von 1908-1941 war er Direktor der Nationalgalerie in Oslo und zentral verantwortlich für den Ankauf von allen Munch-Bildern, die seit 2022 im neuen „Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design“ (im „Edvard-Munch-Saal“) in Oslo gezeigt werden.

Von Jens Thiis gibt es ein beeindruckendes Ganzkörperportrait, das Munch 1909 angefertigt hat sowie diverse Skizzen über ihn.

Sein prägender Name wirkt weiter in seiner Tochter Ragna Thiis Stang (1909-1978), die sogar Leiterin des Munch-Museums in Oslo war und oft zusammen mit Ihrem Mann Nic. Stang (1908-1971) viele kluge Bücher über Edvard Munch veröffentlichte.

All dies spricht für die Kenntnisnahme des Buches; es ist als Basis zur gründlichen Auseinander-setzung mit der Kunst von Edvard Munch unerlässlich.

Jens Thiis: Edvard Munch. Mit einem Nachwort von Erich Büttner. Berlin: Rembrandt-Verlag, 1934.  


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